21. Dezember – Yalda-Nacht (Şewî Yeldayê / Şevçile)

Der 21. Dezember nimmt einen besonderen Platz im kulturellen Gedächtnis der Kurden ein. Er markiert die Yalda-Nacht (kurdisch: Şewî Yelda oder Şevçile), die längste Nacht des Jahres und zugleich den Wendepunkt, an dem das Licht allmählich über die Dunkelheit siegt. Diese Nacht fällt mit der Wintersonnenwende zusammen und gilt traditionell als Beginn des Winters. In der kurdischen Erinnerung steht Yalda nicht nur für ein astronomisches Ereignis, sondern für eine tief verwurzelte symbolische Ordnung, in der Naturbeobachtung, Kosmologie, Religion und soziale Praxis miteinander verflochten sind.

Historische und religiöse Ursprünge

Die Geschichte der Yalda-Nacht reicht bis in die vorislamischen Glaubens- und Denksysteme der Kurden und anderer Völker in der Region zurück. Im Mithraismus, einer zentralen religiösen Tradition des altkurdischen Kulturraums, galt die Sonne (Xor / Roj) als Manifestation göttlicher Ordnung und Lebensenergie. Mithra, als göttliches Wesen des Lichts, der Wahrheit und des Bundes, symbolisierte die Überwindung der Finsternis.

Nach mithraischer Vorstellung offenbarte Mithra am 21. Dezember seine Macht, indem er die Wiederkehr des Lichts verkündete. Die längste Nacht des Jahres wurde daher nicht als Bedrohung, sondern als Moment der Geburt des Lichts verstanden. Der Begriff Yalda selbst stammt aus dem Aramäischen und bedeutet „Geburt“. In diesem Kontext wurde die Nacht als kosmischer Übergang interpretiert, in dem Hoffnung, Erneuerung und Kontinuität verankert sind.

Kosmologie und Symbolik

Die Yalda-Nacht verkörpert eine grundlegende kosmologische Vorstellung: den zyklischen Sieg des Lichts über die Dunkelheit. Nach der Sonnenwende beginnen die Tage wieder länger zu werden – ein natürlicher Prozess, der in der kurdischen Kultur seit Jahrtausenden symbolisch gedeutet wird. Die Sonne mit 21 Strahlen, ein zentrales Symbol in der kurdischen Tradition, verweist dabei auf Vollständigkeit, Ordnung und spirituelle Balance.

Naturphänomene wie Schnee oder Regen in der Yalda-Nacht werden traditionell als Vorzeichen eines fruchtbaren Jahres interpretiert. Die enge Verbindung zwischen Natur, Zeitrechnung und sozialem Leben macht Yalda zu einem kulturellen Orientierungspunkt, vergleichbar mit Newroz, dem Frühlings- und Neujahrsfest der Kurden und vieler anderen Völker.

Soziale Praxis und regionale Traditionen

Die Yalda-Nacht wird in unterschiedlichen Regionen Kurdistans auf vielfältige Weise gefeiert, wobei lokale Bräuche eine zentrale Rolle spielen. In Ost- und Südkurdistan versammeln sich Familien nach Sonnenuntergang um reich gedeckte Tische. Traditionell gehören dazu Granatäpfel, Walnüsse, Weintrauben, Rosinen, getrocknete Feigen, وWassermelonen, Tee und Süßigkeiten. Feuer oder Kerzen werden entzündet, um das Licht symbolisch zu bewahren.

In einiger Städten Ostkurdistan wird die Nacht als Şevçile („Nacht der Vierzig“) bezeichnet – ein Verweis auf den Beginn einer vierzigtägigen Winterperiode im traditionellen Kalender. Gemeinsam sind diesen Praktiken das kollektive Beisammensein, das Erzählen von Geschichten, das Singen von Liedern sowie das Rezitieren klassischer Gedichte. Instrumente wie Tambûr und Def begleiten die Feierlichkeiten.

Die Yalda-Nacht nimmt auch in der kurdischen Literatur einen besonderen Platz ein. Der Dichter Nalî (1800–1856) widmete ihr ein berühmtes Gedicht, das bis heute rezitiert wird und die emotionale und symbolische Tiefe dieser Nacht widerspiegelt. Gedichtsammlungen (Diwane) liegen traditionell auf dem Tisch und werden gemeinsam gelesen.

In vielen Regionen wird Yalda daher als Nacht der Begegnung verstanden – eine Zeit, in der familiäre und soziale Bindungen erneuert werden. Auch in der kurdischen Diaspora erlebt die Yalda-Nacht seit einigen Jahren eine bewusste Wiederbelebung.

Die Yalda-Nacht ist Ausdruck eines frühen wissenschaftlichen und philosophischen Zugangs zur Welt. Durch genaue Beobachtung von Natur, Jahreszeiten und Himmelskörpern entwickelten die Menschen Kurdistans ein komplexes System der Zeitrechnung und Symboldeutung. Diese Erkenntnisse bildeten die Grundlage für kulturelle Feste wie Yalda und Newroz.

Der geistige Kern dieser Tradition lebt bis heute insbesondere in einigen Gemeinschaften der Êzîdîinnen, Alevitinnen und Yarsaninnen fort. Die Yalda-Nacht steht damit für eine lebendige kulturelle Kontinuität, die religiöse, soziale und wissenschaftliche Elemente miteinander verbindet.

Der Nelkenapfel (Sêwî Mêxekirêj) – Liebe, Frieden und Symbolik

Ein besonderer Brauch in Ostkurdistan ist das Bedecken von Äpfeln mit Nelken, der Sêwî Mêxekirêj. Familien und Freund*innen bereiten die Äpfel vor, indem sie einzelne Nelken in die Schale stecken. Dieser Brauch dient mehreren Zwecken:

  1. Symbol der Liebe – Liebende schenken einander die Nelkenäpfel, wenn Worte nicht ausreichen, um ihre Gefühle auszudrücken.
  2. Zeichen der Versöhnung – Bei Streit oder Trennung kann ein solcher Apfel die Brücke für Versöhnung und Nähe sein.

Nach dem Einstecken der Nelken trocknet der Apfel innerhalb von Wochen, bleibt aber über Jahre hinweg haltbar. So wird der Nelkenapfel zu einem materiellen Träger von Emotionen, der über Generationen hinweg weitergegeben wird. Er verbindet Liebe, Frieden und Hoffnung mit der Gemeinschaft und ist bis heute ein sichtbares Symbol kurdischer Volkskultur.

Schlussbemerkung

Im Rahmen der Kurdish Memory Days steht die Yalda-Nacht für eine Erinnerung, die weit über ein folkloristisches Fest hinausgeht. Sie symbolisiert die historische Tiefe kurdischer Kultur, den Widerstand gegen das Vergessen und die enge Verbindung zwischen Natur, Wissen und kollektiver Identität.
Der 21. Dezember erinnert daran, dass selbst in der längsten Nacht das Licht nicht verschwindet, sondern neu geboren wird.

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