Davoud Osmanzadeh
Doktorand in Soziologie und Sozialanthropologie| Central European University | Wien, Österreich.
Online veröffentlicht von TISHK Zentrum für Kurdistan Studien: Bonn, 18. Januar 2026
Zusammenfassung
Dieser Essay analysiert den Protestzyklus, der Ende Dezember 2025 im Iran begann, und verortet ihn innerhalb einer jahrhundertelangen Geschichte autoritärer Staatsbildung und umkämpfter politischer Repräsentation. Er argumentiert, dass diese Proteste nicht nur Widerstand gegen die Islamische Republik ausdrücken, sondern auch ein wiederkehrendes strukturelles Problem der iranischen Politik sichtbar machen: die Tendenz, in Momenten massenhafter Mobilisierung einen „Herrn“ durch einen anderen zu ersetzen, anstatt die zugrunde liegende politische Ordnung grundlegend zu transformieren. Auf der Grundlage von Protestberichten, Medienanalysen und Stellungnahmen politischer Akteur:innen zeichnet der Artikel die Ausweitung der Bewegung, ihre interne Heterogenität sowie die Verschärfung staatlicher Repression nach. Besonderes Augenmerk gilt den Auseinandersetzungen um politische Repräsentation, einschließlich der Versuche monarchistischer Akteure, die Proteste durch personalisierte Führungsnarrative zu vereinnahmen. Abschließend kommt der Essay zu dem Ergebnis, dass eine Durchbrechung des autoritären Zyklus im Iran nur durch die Abkehr von der Logik des Herrscherersatzes und durch demokratischen Pluralismus, Dezentralisierung, kollektive Rechte und kollektive Selbstbestimmung möglich ist.
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Am 28. Dezember 2025 brach im Iran eine neue Protestwelle aus, die mit Streiks und Demonstrationen von Basarhändlern in Teheran begann und sich rasch auf andere Städte ausweitete. Anders als viele frühere Protestzyklen entfalteten sich diese Mobilisierungen in einem Moment akuter und mehrfacher struktureller Krisen. Der Iran hatte gerade eine schwere militärische Niederlage nach einem zwölf Tage dauernden Krieg mit Israel erlitten. Die Reaktivierung der UN-Sanktionen durch den Snapback-Mechanismus, kombiniert mit der erneuten Politik des „maximalen Drucks“ unter der Trump-Regierung, stürzte die Wirtschaft in eine der schwersten Krisen seit Jahrzehnten. Gleichzeitig vertieften sich die politischen Spaltungen innerhalb der herrschenden Elite, während die ohnehin fragile Legitimität des Regimes unter dem Gewicht anhaltender Repression, wirtschaftlichen Zusammenbruchs und systemischer Korruption weiter erodierte.
Diese Proteste entstanden nicht im luftleeren Raum. Sie stellen den jüngsten Ausdruck einer langen Geschichte sozio-politischer Unruhen dar, die das politische Leben im Iran in den vergangenen fünfzehn Jahren grundlegend verändert haben. Doch während Menschen erneut ihr Leben auf den Straßen riskierten, wurde außerhalb des Landes aggressiv eine klar definierte Gegen-Narration vorangetrieben. Exilbasierte persischsprachige Medien begannen zunehmend, Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs, als einzige Alternative zur Islamischen Republik zu präsentieren. In einigen Fällen wurden Protestaufnahmen manipuliert, Slogans verändert und gesellschaftliche Forderungen nachträglich als monarchistische Anliegen umgedeutet. Dieser Versuch, eine lebendige Protestbewegung zu vereinnahmen, verdeutlicht, warum die Monarchie keine Lösung darstellt, sondern eine der gefährlichsten Alternativen für die Zukunft Irans ist.
Von Reform zu radikaler Ablehnung
Die Grüne Bewegung von 2009 markierte einen historischen Bruch innerhalb der Islamischen Republik. Ursprünglich auf Wahlbetrug und Reformen innerhalb des Systems ausgerichtet, weitete sich die Bewegung nach der gewaltsamen Repression rasch aus. Obwohl ihre Führung vorsichtig agierte, begann ihre gesellschaftliche Basis zunehmend, die Grundfesten des Regimes selbst infrage zu stellen. Die Proteste von 2017–2018 stellten schließlich einen entscheidenden Wendepunkt dar. Sie gingen von wirtschaftlich marginalisierten Regionen aus, umfassten Arbeiter:innen sowie minorisierte ethno-nationale Gruppen und lehnten das Regime von Beginn an grundsätzlich ab. Zentrale Forderungen richteten sich gegen wirtschaftliche Ungleichheit, Persiozentrismus, Korruption, politische Repression und die regionalen militärischen Interventionen der Islamischen Republik.
Diese Entwicklung kulminierte 2022 nach der staatlichen Tötung von Jina Amini. Die Bewegung Jin, Jiyan, Azadî (Frau, Leben, Freiheit) war in Umfang, Vielfalt und Radikalität beispiellos. Sie stellte Frauen, Jugendliche und marginalisierte Gemeinschaften ins Zentrum und richtete sich nicht nur gegen die Islamische Republik, sondern gegen die grundlegende Logik von Herrschaft, Kontrolle und aufgezwungener Autorität. Vor diesem Hintergrund erscheint die Re-Inszenierung der Monarchie als „vereinende Alternative“ nicht nur anachronistisch, sondern fundamental losgelöst von den gelebten Erfahrungen der heutigen iranischen Gesellschaft(en).
Monarchie und die Logik autoritärer Kontinuität
Die historische Erfahrung Irans mit der Monarchie ist untrennbar mit Diktatur und autoritärer Herrschaft verbunden. Zwischen 1925 und 1979 war politische Macht stark zentralisiert, Dissens wurde systematisch unterdrückt und politische Teilhabe strikt kontrolliert. Dies war kein zufälliges Merkmal monarchischer Herrschaft im Iran, sondern strukturell bedingt. Zudem waren Ideologie und Institutionen des Staates in einer Vorstellung persischer Vorherrschaft verankert, die auf eine systematische Persianisierung nicht-persischer ethno-nationaler Gruppen abzielte, um eine homogene nationale Identität durchzusetzen.
Reza Pahlavi hat sich dieser historischen Verantwortung nie ernsthaft gestellt. Anstatt sich kritisch von den autoritären Praktiken seines Vaters und Großvaters zu distanzieren, glorifiziert er diese Epoche und leitet seine politische Legitimität aus dynastischer Abstammung ab. Dies ist nicht bloß symbolisch, sondern verweist auf ein politisches Denken, das auf Hierarchie statt auf Volkssouveränität basiert.
Besonders besorgniserregend ist das Verhalten monarchistischer Netzwerke in der Gegenwart. Selbst ohne formelle Macht beteiligen sie sich an der systematischen Diffamierung von Kritiker:innen, an der Belästigung von Aktivist:innen, an der Manipulation von Protestmaterial und an der Vereinnahmung gesellschaftlicher Bewegungen zur Herstellung künstlicher Zustimmung. Ein politisches Projekt, das Dissens bereits vor der Machtübernahme unterdrückt, wird ihn danach kaum tolerieren. Autoritarismus, Diktatur und persische Vorherrschaft verschwinden nicht dadurch, dass religiöse Ideologie durch ultranationalistische Nostalgie ersetzt wird; sie ändern lediglich ihre Sprache.
Historisch stützte sich die Monarchie im Iran auf aggressive Zentralisierung und kulturelle Homogenisierung. Nicht-persische ethno-nationale Gruppen galten als Hindernisse für nationale Einheit. Sprachliche Rechte, regionale Autonomie und kollektive politische Ansprüche wurden verweigert oder kriminalisiert. Der gegenwärtige Monarchismus hat mit diesem Erbe nicht gebrochen. Begriffe wie „territoriale Integrität“ und „nationale Einheit“ werden immer wieder beschworen, ohne konkrete Zusagen zu Dezentralisierung, kollektiven Rechten oder Machtteilung zu machen. Für Kurd:innen, Belutsch:innen, Araber:innen, Türk:innen und andere nicht-persische ethno-nationale Gruppen reproduziert diese Rhetorik ein bekanntes Muster der Ausgrenzung. Ein politischer Übergang, der diese Realitäten ignoriert, läuft Gefahr, interne koloniale Machtverhältnisse zu reproduzieren, anstatt sie zu überwinden.
Auch die politische Kultur, die sich online rund um den Monarchismus herausgebildet hat, ist aufschlussreich. Monarchistische digitale Räume sind häufig geprägt von kultähnlicher Loyalität, Misogynie, Belästigung und koordinierten Angriffen auf Feminist:innen, Republikaner:innen, Linke und ethnische Aktivist:innen. Dieses Verhalten ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck einer grundlegenden Intoleranz gegenüber Pluralismus. Digitale Praktiken sind nicht von politischer Realität getrennt – sie sind deren Probe. Eine Bewegung, die im virtuellen Raum keinen Widerspruch duldet, wird ihn in einer demokratischen Ordnung kaum akzeptieren.
Am schwerwiegendsten ist jedoch, dass die Monarchie keinen glaubwürdigen Fahrplan für einen politischen Übergang bietet. Es existieren keine klaren Positionen zur Verfassungsordnung, zur Übergangsjustiz, zur Aufarbeitung vergangener Verbrechen oder zu inklusiven Mechanismen der Machtteilung. Vage Appelle an „nationale Einheit“ fungieren als Platzhalter, nicht als Konzepte. Die Geschichte zeigt, dass Übergänge, die von symbolischen Figuren ohne institutionelle Verankerung angeführt werden, häufig in Chaos oder erneuten Autoritarismus münden.
Ein Schritt zurück, nicht nach vorn
Mit Stand vom 6. Januar 2026 zeigen die aktuellen Proteste erneut, dass die iranischen Gesellschaften auch unter extremem Druck weiterhin autoritäre Herrschaft zurückweisen. Die Ersetzung der Islamischen Republik durch eine Monarchie würde keinen Fortschritt bedeuten, sondern einen Rückschritt. Der Iran hat dynastischen Autoritarismus bereits erlebt – und den Preis dafür bezahlt.
Die Forderungen der heutigen Bewegungen zielen nicht auf eine Rückkehr zur Ordnung vor 1979, sondern auf Demokratie, Gleichheit, Würde und kollektive Selbstbestimmung. Die schlimmste Alternative zu einer autoritären Theokratie ist nicht Unsicherheit, sondern eine andere Form des Autoritarismus, getarnt als Erlösung.
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