22 . Januar – Die Republik Kurdistan und das politische Gedächtnis kurdischer Staatlichkeit
Der 22. Januar 1946 markiert einen der bedeutendsten Einschnitte im modernen politischen Gedächtnis des kurdischen Volkes: die Ausrufung der Republik Kurdistan in Mahabad. Auch wenn ihr Bestehen nur elf Monate währte, nimmt die Republik bis heute eine zentrale Stellung in der kollektiven Erinnerung ein. Sie gilt als erster moderner Versuch, kurdische politische Selbstbestimmung in Form eines institutionalisierten Staates zu verwirklichen – mit eigenen politischen Organen, Symbolen und Sicherheitsstrukturen.
Im Rahmen der Kurdish Memory Days steht die Republik Kurdistan nicht allein für ein historisches Ereignis, sondern für einen paradigmatischen Moment, in dem politische Vision, nationale Mobilisierung und internationale Machtkonstellationen aufeinandertrafen.
Historischer Kontext und politische Voraussetzungen
Die Gründung der Republik Kurdistan erfolgte in einem außergewöhnlichen geopolitischen Kontext. Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich der Iran in einer Phase geschwächter staatlicher Souveränität, insbesondere in den nördlichen Landesteilen, die zeitweise unter sowjetischem Einfluss standen. Diese Konstellation eröffnete politischen Handlungsspielraum für marginalisierte nationale Bewegungen, darunter auch die Kurden.
Vor diesem Hintergrund wurde im Herbst 1942 in Mahabad die geheime Organisation Komeley Jiyanewey Kurd gegründet, ein Zusammenschluss nationalistischer Intellektueller mit dem Ziel kurdisches Nationalstaates. Diese Organisation bildete die strukturelle und ideologische Grundlage für die spätere Gründung der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) im Juli 1945. Mit der PDK vollzog sich ein entscheidender Bruch mit clan-, stammes- und regionalbezogenen Organisationsformen zugunsten eines gesamt-kurdischen, national-demokratischen Projekts. Die kurdische Identität wurde damit erstmals zum zentralen Bezugspunkt politischer Programmatik.
Ausrufung der Republik und institutionelle Ordnung
Am 22. Januar 1946 rief Qazi Muhammad auf dem Çiwar-Çira-Platz in Mahabad die Republik Kurdistan aus. In seiner Erklärung definierte er die Kurden als eigenständiges Volk mit eigener Geschichte, Sprache und Kultur und bekannte sich zum Aufbau eines eigenen politischen Gemeinwesens. Die Republik verstand sich nicht als Bedrohung für andere Nationen, sondern als Ausdruck des legitimen Rechts auf nationale Selbstverwaltung, demokratische Teilhabe und friedliche Koexistenz.
In kurzer Zeit entstanden zentrale staatliche Strukturen: ein Parlament, eine Regierung, eine Verwaltung in kurdischer Sprache, ein Bildungssystem, Presseorgane sowie kulturelle Institutionen. Die kurdische Sprache wurde zur Amts- und Unterrichtssprache erklärt, Schulpflicht eingeführt und erstmals Lehrmaterialien auf Kurdisch erstellt. Radio Kurdistan nahm den Sendebetrieb auf, Druckereien und Theater wurden gegründet. Frauen- und Jugendorganisationen entstanden, Mädchenschulen wurden eröffnet – Ausdruck eines bemerkenswert fortschrittlichen Verständnisses von gesellschaftlicher Teilhabe.
Besondere Bedeutung kam der Rolle der Peschmerga zu, die als Schutzmacht der Republik fungierten. Ihre Aufgabe bestand nicht nur in militärischer Verteidigung, sondern auch in der Sicherung politischer Ordnung und gesellschaftlicher Stabilität. Damit wurde früh eine Verbindung zwischen politischer Souveränität und kollektiver Selbstverteidigung hergestellt – ein Motiv, das sich tief in das kurdische politische Gedächtnis eingeschrieben hat.
Das Scheitern der Republik und seine Folgen
Trotz ihrer politischen Ambitionen war die Republik Kurdistan strukturell fragil. Der Rückzug der sowjetischen Unterstützung, internationaler Druck und die militärische Intervention des iranischen Staates führten im Dezember 1946 zur Auflösung der Republik. Die Hinrichtung von Qazi Muhammad im März 1947 markierte das gewaltsame Ende des ersten modernen kurdischen Staatsprojekts.
In der historischen Rückschau wird das Scheitern der Republik jedoch nicht als endgültige Niederlage verstanden. Vielmehr transformierte sich Mahabad zu einem zentralen Erinnerungsort – einem Symbol sowohl der Möglichkeit als auch der Verwundbarkeit kurdischer Staatlichkeit. Die Erfahrung politischer Autonomie, so kurz sie auch war, wirkte identitätsstiftend und mobilisierend für nachfolgende Generationen.
Die Republik Kurdistan im kollektiven Gedächtnis
Im kurdischen Erinnerungsdiskurs nimmt die Republik Kurdistan eine doppelte Rolle ein: Sie steht einerseits für Hoffnung, institutionelle Erfahrung und politische Reife, andererseits für Verrat, internationale Gleichgültigkeit und die Grenzen externer Bündnisse. Diese Ambivalenz prägt bis heute kurdische politische Strategien und Selbstdeutungen.
Mahabad fungiert somit als historischer Referenzpunkt, an dem Fragen von Souveränität, Legitimität und Widerstand immer wieder neu verhandelt werden. Die Republik ist weniger ein abgeschlossenes Kapitel als vielmehr ein fortdauernder Erinnerungsraum, in dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschränkt sind.
Schlussbemerkung
Im Kontext der Kurdish Memory Days steht die Republik Kurdistan für die historische Verankerung kurdischer Staatlichkeit im 20. Jahrhundert. Sie erinnert daran, dass politische Selbstbestimmung nicht allein eine Zukunftsvision, sondern bereits gelebte Realität war – wenn auch unter prekären Bedingungen. Das Gedenken an Mahabad ist zugleich eine kritische Reflexion über Macht, Erinnerung und die Bedingungen politischer Existenz.
Die Republik Kurdistan bleibt damit ein zentraler Bezugspunkt für das fortdauernde Streben des kurdischen Volkes nach Würde, Selbstbestimmung und historischer Anerkennung.
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